England erlebten bei der Rugby League World Cup eine Woche der Extreme: Die Frauen feierten einen 70:4-Auftaktsieg über Wales, die Männer verloren ihr Eröffnungsspiel gegen Tonga mit 12:30. Damit liegt das Weiterkommen der Männer nicht mehr in der eigenen Hand.
Beide englischen Teams gelten als Außenseiter im Rennen um das Halbfinale. Für die Männer ist die Aufgabe nach der Niederlage gegen das möglicherweise stärkste Tonga-Team aller Zeiten noch größer geworden. Die Frauen bereiten sich unterdessen auf Australien vor, die bislang größte Herausforderung für dieses Team. Was lässt sich aus den Auftaktspielen lernen, und was erwartet beide Mannschaften in Woche zwei?
Second-Phase-Spiel bringt Fehler, aber auch Chancen
Die englischen Männer setzten gegen Tonga klar auf Second-Phase-Spiel. Sie spielten den Ball freizügig per Offload weiter und suchten ständig Raum und Gelegenheiten. Die Taktik funktionierte insofern, als sie das Team in Try-Positionen brachte. Vor allem in der ersten Halbzeit wirkte England offensiv gefährlich, bis es in die gegnerischen 20 Meter kam.
Dort ließen die letzten Pass- und Angriffsoptionen England im Stich. Das Team kam auf 27 Offloads gegenüber fünf bei Tonga und auf 246 Pässe gegenüber 191. Dazu machte England über 70 Tackles mehr als Tonga. Allerdings schickte es nur fünf Bomben in die Luft, Tonga dagegen zwölf.
England blieb in den entscheidenden Momenten nicht klinisch genug und setzte den Gegner nicht unter Druck. Als das Momentum kippte, stand deshalb kein Punkt auf der Tafel. Beim Stand von 6:10 kassierte England einen der glücklichsten Tries nach einem Kick, den man sehen kann: ein Abpraller der kuriosesten Sorte.
Brian McDermott räumte ein, dass sein Spielstil riskant sei. Man probiere Dinge aus, manche gingen auf, manche nicht. In der ersten Halbzeit unterliefen England neun Fehler, Tonga nur drei. Über 80 Meter des Feldes zeigte das Team einen Funken und eine gewisse Spielfreude, doch in den letzten 20 Metern gingen die Ideen aus.
Stärkstes Tonga, Reisestrapazen und fehlende Wucht
Die Niederlage muss man einordnen. Viele englische Fans dürften bedauern, dass diese Partie nicht das letzte Gruppenspiel war, sondern das erste. Nach nur rund einer Woche zusammen und ohne Länderspiele während der Saison reiste England von Heathrow nach Sydney und dann nach Perth. In sieben Tagen tat das Team, was es konnte. Von idealen Bedingungen lässt sich kaum sprechen.
Auch die Vorderreihe war nicht die gewünschte. Morgan Smithies fiel für das gesamte Turnier aus, Morgan Knowles wurde für das Spiel gestrichen. Hinzu kamen die Ausfälle von Matty Lees, Caleb Hamlin-Uele und Mike McMeeken. Damit schwindet die Wucht, die man von einer traditionellen englischen Mannschaft erwartet.
Dazu traf England auf wohl das stärkste Tonga-Team aller Zeiten. Kristian Woolf kann auf echte Starqualität zurückgreifen. Robert Toia gilt neben Herbie Farnworth als einer der besten Centres der Welt. Toluta’u Koula auf der anderen Centre-Position spielte in diesem Jahr State of Origin, ebenso Addin Fonua-Blake und Stefano Utoikamanu.
Toia, Siua Wong und Salesi Foketi gewannen 2026 mit den Sydney Roosters das Grand Final. Haumole Olakau’atu wurde zum Second Rower des Jahres gewählt. Der junge Isaiya Katoa gilt in den Halves als kommender Superstar. Auf dem Papier war das stets eine enorme Aufgabe.
Rowe prägt das Spiel mit Ball und Fuß
Die englischen Frauen glänzten im Auftakt gegen Wales. Spielerin des Spiels wurde Izzy Rowe, die ihre Nominierung mehr als rechtfertigte.
Vor der Partie drehte sich alles um die Frage, wer in den Halves spielen würde: Rowe, die Woman of Steel Jenna Foubister oder NRLW-Star Georgia Roche. Headcoach Stu Barrow entschied sich für Rowe und Roche und setzte Foubister auf die Bank.
Rowe erzielte die meisten Punkte, die je eine englische Spielerin in einem Spiel holte. Sie überzeugte mit dem Ball in der Hand, aber auch ihr Kickspiel war exzellent, sowohl im Spielverlauf als auch von der Kicking Tee. Diese Stärke macht sie zu einer Art Notwendigkeit im Team. Auch Foubister zeigte nach ihrer Einwechslung ihren Wert und legte mit einem brillanten Assist auf. Für England ist das ein willkommenes Problem.
Nächste Woche: Steigerung gefragt und Las Vegas abhaken
Die englischen Frauen müssen den starken Auftakt abhaken und sich auf die gewaltige Aufgabe konzentrieren: den amtierenden Weltmeister Australien. Beim letzten Duell 2025 in Las Vegas verlor England ernüchternd mit 4:90 gegen die Jillaroos. Es war eine deutliche Erinnerung an die Kluft zwischen beiden Teams und den Weg, den der englische Rugby League noch vor sich hat.
Allerdings steht nur eine Handvoll Spielerinnen aus jener Partie noch im aktuellen Kader. Viele sensationelle junge Spielerinnen können nun zeigen, dass sich England verbessert hat. Entscheidend wird sein, die Partie so eng wie möglich zu halten.
Zum Abschluss trifft England auf Samoa, das gegen Australien mit 0:40 verlor. Das Punktverhältnis könnte darüber entscheiden, wer ins Halbfinale einzieht.
Die Außenseiter-Mentalität muss wieder tragen
In Woche zwei muss die Underdog-Mentalität beider englischer Teams zum Tragen kommen, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Die Frauen wissen um ihre schwerste Aufgabe, sind aber voller Selbstvertrauen und wollen zeigen, welches Talent in ihren Reihen steckt.
Die Männer wissen, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Sie befinden sich in einer komplizierten, kombinierten Gruppe B und C. Gruppe B besteht aus England, Libanon und Samoa, Gruppe C aus Frankreich, Papua-Neuguinea und Tonga. Nach der Niederlage gegen Tonga warten auf England noch Frankreich und Papua-Neuguinea, denn gespielt wird gegen die Teams der jeweils anderen Gruppe.
Wenn die Ergebnisse wie erwartet ausfallen, hofft England im Grunde darauf, dass Tonga Samoa schlägt, und liefert sich dann ein direktes Duell mit den Samoanern um die besseren Resultate.
Bemerkenswert: Bei der Rugby League World Cup 2022 wurde Samoa von England im Auftaktspiel demontiert, schlug die Engländer dann aber im Halbfinale. Einen solchen Spielraum hat England diesmal nicht.
Wie geht es weiter?
England muss sich neu sortieren, bevor es am kommenden Samstag in Perth auf Frankreich trifft. Anpfiff ist um 7.35 Uhr britischer und irischer Zeit. Die englischen Frauen spielen um 10.05 Uhr gegen Australien.